Eindrücke von einer Reise in die griechische Krise

Rede auf der Demonstration „Um Fair Teilen“, 29. September 2012, Berlin, Alexanderplatz

Lampros Savvidis (Hellenische Gemeinde zu Berlin e.V.)

 

Liebe deutsche Mitbürger, liebe Landsleute aus Griechenland, liebe Freunde aus ganz Europa, aus der Türkei und anderen Staaten, liebe Genossinnen und Genossen!

 

Was uns heute zusammengeführt hat, ist die große Krise des herrschenden Systems, der Kapitalismus. Seine katastrophalen Folgen sind überall spürbar, am stärksten jedoch in Südeuropa. Griechenland, meine Heimat, ist das erste und am schlimmsten betroffene Land, an dem – ich weiß nicht warum – ein Exempel statuiert werden soll. Auf jeden Fall empfinden sich die Einwohner als Versuchskaninchen und ihr Land als Testfeld. Weil ich erst vor einer Woche von dort zurückgekehrt bin, möchte ich hier berichten, was ich in Griechenland gesehen, gehört, gelesen und in zahlreichen Gesprächen erfahren habe:

 

In der ersten Woche meines Aufenthalts, in Athen, gab es fast täglich in unterschiedlichen Bezirken Demonstrationen, Besetzungen von Behörden, Streiks und Proteste. Bei einer Demo ganz in der Nähe unseres Hotels an der Ecke Marni/Aristoteles-Straße und unweit des Omonia-Platzes, wo sich das Gesundheitsministerium befindet, riefen die friedlich, aber wütend demonstrierenden Beschäftigten des Gesundheitswesens: „Kliste ta ipurgia ke mpite essis stas psychiatria!“ – Auf Deutsch: „Schließt eure Ministerien und geht selbst in die Psychiatrie!“

Von der Veranda im obersten Stockwerk unseres Hotels blickte ich mit meiner Frau auf die umliegenden Wohnhäuser. Die meisten waren dunkel. Keine Menschen, kein Licht war zu sehen, die Jalousien heruntergelassen. In den wenigen Wohnungen, wo noch Licht brannte, konnte man sehen, dass viele Menschen, acht bis zehn, dort in einer kleinen Wohnung leben, offenbar, um mit der Miete zurechtzukommen.

Eines Abends habe ich zu meiner Frau gesagt: „Lass uns bitte mal auf die Namensschilder der Hauseingänge schauen, ob die Athener verreist und zur Zeit nur in Urlaub sind!“ Nichts dergleichen! Viele Namensschilder waren leer, die Wohnungen also dauerhaft verlassen.

Wenn wir am Tage aus unserem Hotel gingen, sahen wir in der Sokrates- oder Septembriou-Straße junge Menschen, die obdachlos waren. Sie sahen aus wie Leichen, manche ganz abgemergelt und manche mit Drogen vollgepumpt. Andere Elendsgestalten schliefen auf dem Bürgersteig oder in den Hauseingängen.

Eine ältere Frau, die wir nach dem Weg fragten und die in Begleitung einer jüngeren Prostituierten war, riet uns, abends vor allem die Sokratesstraße zu meiden, weil es dort zu gefährlich für uns sei. Sie ging dann aber selbst mit ihrer Begleiterin in die Sokratesstraße, während wir, vom Omonia-Platz kommend, dem Rat der Frau folgten und die Septembriou-Straße nahmen. Denn dort gab es viele Mannschaftswagen der Polizei und lebhaften Straßenverkehr, also eine wichtige Straße für die Stadt. Es war deutlich festzustellen, dass sich die Polizei nicht mehr in alle Straßen Athens wagt, um den Menschen Schutz zu gewähren.

 

Wir bemerkten auch, dass zahlreiche Apotheken geschlossen waren, vermutlich aus ökonomischen und Sicherheitsgründen, wie auch zahlreiche andere Geschäfte für immer die Läden geschlossen hatten.

In einem Gespräch sagte uns ein Athener: „Das Zahlungsmittel, also der Euro, trägt nicht an den Verhältnissen schuld, sondern das, was man mit ihm beabsichtigt! Ob wir nun in Griechenland den Euro oder die Drachme haben: Falls alles so bleibt, wie jetzt, dann gibt es keine Hoffnung mehr für Griechenland!“ Ich erwiderte diesem Mann: „In der Zeitung ‚Ta Nea‘ habe ich gelesen. 54.000 reiche Griechen haben von 2009 bis 2011 legal per Auslandsüberweisungen 22 Milliarden Euro aus Griechenland transferiert. Die schwarzen Transfers sollen über 100 Milliarden betragen. Falls Griechen so viel Geld ins Ausland bringen konnten, warum hat dann der griechische Staat, als das Geld noch im Land war, so wenig Steuern eingenommen? Und heute, ohne irgendwelche gesetzlichen Regelungen, bringen es die Reichen ins Ausland!“

„Es ist klar“, sagte der Mann, „Frau Merkel wollte Samarras als Ministerpräsidenten haben, weil er die Reichen schützt und das System nicht infrage stellt!“

 

In der Zeitung „To Ethnos“ las ich den Leitartikel mit der Überschrift „Jackpot“, in dem es hieß, dass der griechische Staat 40 Inseln in der Ägäis für jeweils 50 Jahre verpachten will. Dem Völkerrecht nach käme das einem Verkauf gleich. Warum aber will der griechische Staat seine Inseln verkaufen? Weil er die Reichen nicht besteuern will! Und wie soll es dann weitergehen, wenn der Verkaufserlös nicht zur Schuldendeckung reicht? Werden dann Athen samt Akropolis, Thessaloniki, Sparta, Marathon, Salamis usw. verkauft, bis es keinen griechischen Staat mehr gibt? Dann sind wir, die Bürger Griechenlands, nur noch das Inventar der Kapitalisten.

Aber so geht es doch nicht, sagen die mutigen und unbeugsamen Griechen, die immer für ihre Freiheit gekämpft haben. (Bei diesen Worten wurde auf der Bühne ein aus Griechenland mitgebrachtes T-Shirt mit eindrucksvoller Aufschrift gezeigt:) „This is Sparta! Mollon lawe!“ Oder auf Deutsch: „Hier ist Sparta! Kommt und nehmt uns, wenn ihr es könnt!“

 

Die folgende Woche verbrachte ich im Süden der Peloponnes. Dort, liebe Freunde, erscheint die Welt vergleichsweise noch in Ordnung zu sein. Engländer, Skandinavier und einige Deutsche machen dort den schönsten Urlaub ihres Lebens, in Stoupa, Kardamilli oder Kotronas im Bezirk Messinia und bei niedrigen Preisen!!! Einmal hörte ich sogar, wie ein Berliner zu seinen Freunden am Nachbartisch in einem Restaurant am Meer sagte: „Bei solchem Essen und solchen Preisen kann man nicht meckern!“ Da konnte ich mich nicht mehr beherrschen, drehte mich um und sagte ironisch, aber freundlich zu dem  Mann: „Und das ist stets der höchste Lob von Berlinern, wenn sie äußerst zufrieden sind!“

Während im Zentrum Athens die Lichter ausgehen, entstehen entlang der Urlaubsparadiese an den Küsten Neubauten.

Das Resümee meiner jüngsten Reise in die Heimat ist klar, liebe Freunde: Das Hauptopfer der Krise in Griechenland ist Attika, das heißt Athen und Piräus, aber auch die zweitgrößte Stadt Griechenlands, Thessaloniki, woher ich stamme. Allein im urbanen Ballungszentrum von Athen und Piräus leben über fünf Millionen Menschen, also mehr als die Hälfte der griechischen Gesamtbevölkerung. In Athen, das die Keimzelle der Demokratie bildete, erlischt heute dieses Licht des menschlichen Geistes, weil der Kapitalismus nichts mit wahrer Demokratie anzufangen weiß. Denn die wahre Demokratie wäre sein Ende.

 

Wir aber wollen endlich dieses Ende, weil wir Sokrates, Platon und ihre geistigen Erben in aller Welt retten wollen und retten müssen.

Sonst gilt: Heute wir, morgen ihr!

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